OVZ von 17/18.05.2003
Der Duft des Metalls
Im Porträt: Hans-Reiner Kasel - seit zehn Jahren Chef des Aus- und Weiterbildungsverbundes Altenburg
Irgendwie riecht es in diesem Raum nach längst vergangener Schulzeit, nach Unterrichtstag in der Produktion. Stehen an der Werkbank, feilen, drehen, fräsen, abgebrochene Fingernägel, schmutzige Hände. Der lästige Geruch schien sich oft tagelang auf der Haut festgefressen zu haben. Doch wenn Hans-Reiner Kasel die Ausbildungswerkstatt im Erdgeschoss des weiß-blauen Firmensitzes an der Franz-Mehring-Straße betritt, dann stinkt es nicht für ihn, dann duftet es. Noch immer gibt ihm das eigenartige Gemisch aus Ölen und Schmiermitteln, aus Metall und Spänen das Gefühl des Angekommen-Seins.
Dabei hatte man dem geschäftsführenden Gesellschafter (welch ein Titel!) vor zehn Jahren zur Gründung des 1. Aus- und Weiterbildungsverbundes Altenburg e. V. dringend geraten, "das Metall" abzuschaffen. Nur noch auf Computer und "das Kaufmännische" sollte er setzen. Metallberufe hätten keine Zukunft. Kasel aber blieb stur. Bis heute. Wer in dem inzwischen weit über die Kreisgrenzen hinaus bekannten überbetrieblichen Ausbildungszentrum beispielsweise so etwas Modernes wie Mechatroniker werden will, muss auch wissen, wo der Ursprung aller Metallberufe liegt. Muss zumindest mal "reinschnuppern" ins Feilen, Fräsen, Drehen an der Werkbank.

Hans-Reiner Kasel wie er leibt und lebt. Sein Lachen ist sein
Markenzeichen - der AWA sein Lebenswerk. Fotos(3): Mario Jahn
Doch wir wollen der Geschichte nicht vorgreifen, die heute hier erzählt werden soll. Denn begonnen hat sie eigentlich nicht erst vor zehn Jahren, sondern schon viel früher. Im Jahre 1970 etwa, als ein 16-jähriger Wintersdorfer in den Altenburger Nähmaschinenwerken seine Lehre zum Zerspanungsmechaniker antrat und begann, sich in diesem typischen Werkshallengeruch heimisch zu fühlen. Dabei wollte Hans-Reiner Kasel ursprünglich ganz andere Düfte schnuppern, sich einen anderen Wind um die Nase wehen lassen. "Koch auf der "Völkerfreundschaft", das hat er allen geantwortet, die ihn in der 7. oder 8.. Klasse nach seinem Berufswunsch fragten. " Warum ich das dann nicht intensiv verfolgt habe, kann ich heute eigentlich nicht mehr schlüssig beantworten. Vielleicht waren es meine Eltern, die zu etwas Bodenständigerem rieten."
Ganz bestimmt aber war es dem hartnäckigem Druck des Vaters zu verdanken, dass der Lehre recht schnell das Studium folgte. Und dann ging alles im Sieben-Meilen-Stiefel-Tempo. Der frischgebackene Ingenieur-Pädagoge kehrte 1976 zu Altin zurück und avancierte schon vier Jahre später zum Direktor der Betriebsberufsschule. Der jüngste, den das traditionsreiche Altenburger Unternehmen je hatte. "Das war schon ein komisches Gefühl, so als junger Spund mit eigener Sekretärin und Chefzimmer." Am schwierigsten aber stellte sich nicht die plötzliche Verantwortung für 500 Lehrlinge und 1000 Polytechnik-Schüler, fürs Lehrlingswohnheim mit über 40 Plätzen heraus. Am schlimmsten war für den so überaus Kontaktfreudigen das Abgeschnittensein von den neuesten Witzen, den Fußball-Ergebnis-Auswertungen, den Alltagsgesprächen unter Kollegen eben.
Und es schien, als wär' mit Anfang 30 der Zenit des Berufslebens schon erreicht. Doch die neue Herausforderung ließ bekanntlich nicht lange auf sich warten. Mit der Wende hielt auch im Osten Deutschlands das duale System Einzug, das die theoretische Ausbildung an der Berufsschule beließ und die praktische an die Betriebe gab. Damit war das Schicksal der Altin - Betriebsberufsschule besiegelt. Viele Lehrer suchten ihr Heil an normalen Schulen und der Direktor nach einer Möglichkeit, in irgendeiner Form weiterzumachen.
Hans-Reiner Kasel entschied sich für eine gänzlich ungewöhnliche. Er gründete am 19. Mai 1993 den 1. Aus- und Weiterbildungsverbund Altenburg -einen gemeinnützigen Verein. Eine bis zum heutigen Tag äußerst seltene, wenn nicht gar deutschlandweit einmalige Sache. So mancher hegte damals Zweifel, ob ein Verein als überbetrieblicher Ausbildungsträger auf dem Markt besteht. "Keine leichten Jahre", sagt Kasel zurückblickend.
Doch inzwischen spricht man in Ministerien, Landratsämtern, Rathäusern, beim Arbeitsamt
oder der Industrie- und Handelskammer, vor allem aber in zahlreichen namhaften Firmen der Region das Kürzel AWA mit zunehmender Hochachtung aus. Rund 5000 Leute, von 15 bis 58 Jahren, haben im vergangenen Jahrzehnt in der Erstausbildung sowie Fortbildung und Umschulung die harte AWA-Schule durchlaufen. Die Ausbildung an modernster Technik und bei geschultem Personal brachte Vermittlungsquoten, von den andere nur träumen können. Da aufgrund der Gemeinnützigkeit kein Gewinn erwirtschaftet wer den muss, fließt jeder Cent, der übrig bleibt, in die Ausbildung zurück. Vier Millionen Euro immerhin in zehn Jahren, und das unter Verzicht auf jegliche Fördermittel.

Der AWA-Chef im Gespräch mit Annet Neumann, Frank Hüfner und
Silke Carius (v.l.), die sich im Ausbildungs- und Trainingskabinett für
Kunststoffverbundstoffe in ihrem Job weiterbilden.
Fragt man Hans-Reiner Kasel nach dem Rezept für einen solchen Erfolg, dann nennt er zwei Zutaten. "Du brauchst den richtigen Riecher für die Trends und vor allem ein eingeschworenes Team." Auf jeden seiner inzwischen 20 Mitarbeiter könne er sich hundertprozentig verlassen. Selbige freuen sich selbstverständlich über so viel öffentliches Lob vom Chef, sie bleiben dennoch auf dem Teppich. Niemals wäre der AWA heute das, was er ist, ohne seinen führenden Kopf, sind sich alle einig. Zielsicher und schnell könne er Entscheidungen treffen, auf die es wirklich ankommt, bescheinigt ihm beispielsweise sein Stellvertreter Steffen Türk. Eine feine Antenne habe er für die aktuelle Entwicklung auf dem Ausbildungsmarkt.
Trotzdem ist er, sagt Türk, beileibe nicht beratungsresistent. Aber was er einmal als richtig und wichtig erkannt hat setzt er ziemlich konsequent durch. "Wir gehen mit unserer Meinung zum Chef und mit seiner wieder raus", pflegt Ausbilder Günther Pippig solcherart Gespräche zu beschreiben. Für beide Seiten allerdings kein Grund, sich gram zu sein. "Ich bin schließlich dafür da, dass der Laden läuft. Und wenn etwas schief geht, kann ich auch bloß mich selbst dafür verantwortlich machen", sieht Hans-Reiner Kasel die Sache ziemlich nüchtern. Bis jetzt ist er aber zu seinem eigenen großen Erstaunen noch nie abgestürzt, obwohl er sich oft genug weit aus dem Fenster lehnte. Sei es, als er als erster im Freistaat die Ausbildung zum Mechatroniker anbot, als er sich auf die Qualifizierung des Personals der Kunststofftechnik Nobitz einließ einem Flugzeugbauzulieferer immerhin - oder wenn er gerade erst Thüringens Wirtschaftsminister persönlich zu überzeugen versucht, dass der AWA die idealen Voraussetzungen für das neue Kunststoffkompetenzcenter des Landes bietet.
Wenn der Mann mit dem markanten Grauhaarschopf etwas erreichen, durchsetzen oder klären will, "bewaffnet" er sich nur mit zwei Dingen: Fachkompetenz und einem unschlagbaren Lächeln. In den zurückliegenden zehn Jahren hat noch kein Mitarbeiter oder Schüler den Chef "aus der Fassung" erlebt. Egal, was passiert. "Um Himmels willen, ich bin kein Choleriker, sondern ein unverbesserlicher Optimist", charakterisiert sich der 49-Jährige selbst.
Noch nie sei ihm ein Mensch begegnet, der so viel und so gern lacht, ist auch Anthony Lowe erstaunt. Der in Zürchau lebende Londoner Kunstmaler stellte dieser Tage sein Auftragswerk (unser Foto) für den AWA fertig. Er hätte das Bild anders gemalt, wenn der Kasel ein anderer Mensch wäre. "So hat er es auf seine Art doch beeinflusst, obwohl er mir gänzlich freie Hand ließ." Lowe nannte das Gemälde, dass seit kurzem im Arbeitszimmer Hans-Reiner Kasels vis-a-vis zum Schreibtisch steht.. "The Muffin Man". Was dies bedeutet? Da sollte sich jeder Betrachter selbst eine Meinung bilden, sich inspirieren lassen, meint Lowe.
Hans-Reiner Kasel jedenfalls tut es. Und beim Ideen-Schöpfen geht es wahrlich nicht nur um neue CNC-Maschinen oder Nählabors oder Erweiterungsbauten für die in schöner Regelmäßigkeit aus allen Nähten platzende Ausbildungsstätte. "Hans-Reiner Kasel hat eine diebische Freude daran, andern eine Freude zu bereiten", weiß Steffen Türk aus eigener Erfahrung. Zum diesjährigen Osterfest beispielsweise sind sie zusammen in den Supermarkt marschiert und haben Dutzende von Osterhasen und -eiern gekauft. Jedem Mitarbeiter und jedem Schüler vom Chef am Gründonnerstag persönlich überreicht, versteht sich. Auch auf den Betriebsfesten wartet immer eine Überraschung. Den Clou freilich gibt's jetzt zum "Zehnjährigen". Alle Kollegen werden am 28. Mai in eine Ryanair-Maschine verfrachtet und ab geht's zum London-Trip.
Wer an dieser Stelle so langsam beginnt, den armen Workaholic, der nichts als die Arbeit im Kopf hat, aus tiefstem Herzen zu bedauern, dem sei versichert: Hans-Reiner Kasel liebt das Leben viel zu sehr, als, dass er es nur mit seinem Job verbringen möchte. "Wenn ich mit dem Auto vom Hof fahre und das Tor zuschließe, ist der Hebel rum." Oft genug hat sich Petra Kasel - seit 28 Jahren die Frau an seiner Seite schon beschwert, dass sie über Neuigkeiten aus der Firma ihres Mannes nur aus der Zeitung erfahre. In der Summe aber ist die Partnerin für Hans-Reiner Kasel bis heute die beste Ratgeberin geblieben. "Weil sie unvoreingenommen auf die Dinge sieht."
Und mit seiner Frau vereint den Vater zweier erwachsener Töchter auch die Begeisterung für drei große Hobbys: 1. Urlaubmachen - möglichst weit weg. 2. Mit dem Alpinski die Berge herunter brettern - von möglichst weit oben. Und 3. Tanzen - möglichst perfekt. Der Montagstanzkreis bei Schallers ist seit Jahren eine Institution. Nur Hobby Nummer 4, den Tennissport, betreibt er allein. Spät, erst vor zwei Jahren, hat er damit begonnen, doch
der Court in der Zwickauer Straße zieht ihn inzwischen magisch an. Bereits die zweite Saison spielt er mit Erfolg in der Mannschaft ,,40 plus".
"Sollte der Akku also wirklich mal runter sein, dann organisiere ich mir eben das nächste Match oder ich plane den nächsten Urlaub." Und wenn Hans-Reiner Kasel auf dem Gletscher in 3000 Meter Höhe gestanden und in den frühlingsblauen - pardon natürlich den AWA-blauen - Himmel geschaut hat, fallen ihm ganz von selbst die Lösungen für noch gestern unlösbar scheinende Aufgaben ein.
Zurück dann im weiß-blauen Firmengebäude mit all seinen elektronischen, hydraulischen und pneumatischen Hightech-Maschinen sowie Computerkabinetten findet der Chef am ersten Tag mindestens einmal den Weg in die Ausbildungswerkstatt im Erdgeschoss. Eine "Nase voll" nehmen von diesem eigenartigeinzigartigen Duft des Metalls.
Ellen Paul
15 Jahre AWA e.V. Presse II
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