Altenburg. Mit der Wende hielt im Osten Deutschlands das duale System Einzug, das die theoretische Ausbildung an der Berufsschule beließ und die praktische an die Betriebe gab. Damit war auch das Schicksal der Altin-Betriebsberufsschule besiegelt. Hans-Reiner Kasel suchte folglich einen neuen Job und gründete 1993 den 1. Aus- und Weiterbildungsverbund Altenburg - einen gemeinnützigen Verein. Allen Unkenrufen zum Trotz schreibt der Awa seither eine spektakuläre Erfolgsgeschichte, wird heute oft und gern als Standortfaktor des Altenburger Landes bezeichnet. OVZ sprach mit Hans-Reiner Kasel über sein "Lebenswerk".
OVZ: Welche Zeit war schwieriger, die vor 15 Jahren, als es galt, etwas vollkommen Neues auf die Beine zu stellen, oder jetzt, sich in schwieriger Zeit am Markt behaupten?Hans-Reiner Kasel: Das lässt sich nur schwerlich vergleichen. Ich sehe es andersherum: Egal welche Zeit, sie war immer schön. Es war für mich und meine Mannschaft jederzeit eine Herausforderung. Die schlaflosen Nächte des Anfangs, als es um die Existenz ging, sind glücklicherweise vorbei. Heute bereitet mir allenfalls der stetig wachsende Termindruck noch eine solche Nacht.
Inzwischen sind die Zeiten aber wieder schwierig, viele klagen. Warum klagen Sie nicht mit?Weil es eben schon zu viele Leute gibt, die das tun. Ich bin von Haus aus Optimist. Und meine Tätigkeit beweist mir Tag für Tag, dass ich auf dem richtigen Pferd sitze.
Das Unternehmen ist in 15 Jahren gewachsen, nicht zuletzt personell. Anfangs waren es fünf, heute sind es 34 Mitarbeiter. 18 davon haben Sie aus der Arbeitslosigkeit geholt und ihnen eine neue Perspektive gegeben. Was muss man mitbringen, um beim Awa eingestellt zu werden?Als Erstes muss man Nichtraucher sein und sich auf die optimistischen Worte des einstellenden geschäftsführenden Vorsitzenden verlassen. Okay, Spaß beiseite, obwohl bekanntlich in jedem Spaß ein Quäntchen Wahrheit steckt. Also: Man muss offen sein für alles Neue und vor allem nicht auf die Uhr schauen.
Der Awa hat schon viele Erfolge verbucht, gibt es darunter den größten, den herausragenden Erfolg?Man kann da kaum Unterschiede machen. Ich freue mich besonders, dass ich mit meinem Stellvertreter Steffen Türk jemanden gefunden habe, der die Kunststoff-Schiene so richtig ins Laufen gebracht hat. Das hätte ich allein nicht geschafft. Da kam zur rechten Zeit der richtige Mann. Wichtig ist mir auch unser Airbus-Engagement. Angesichts der Tatsache, dass wir in Laupheim zusagten und auf der Rückfahrt im Auto noch nicht wussten, wie wir es bewerkstelligen sollten, kann sich das Ergebnis sehen lassen. Das war richtig anspruchsvoll, die Parameter zu erfüllen und von Airbus und später auch Boeing akzeptiert zu werden. Und das als kleiner Awa in Altenburg. Oder die Einführung des Mechatronikers, als anderenorts noch niemand das Wort kannte. Vor allem aber ist es ein wunderbares Gefühl, wenn man sieht, wie viele junge und auch ältere Leute unsere Schulbank gedrückt haben, sich hier das Rüstzeug holten, um jetzt erfolgreich im Beruf zu bestehen.
Man traut es sich angesichts dieser Aufzählung fast nicht zu fragen: Haben Sie herbe Niederlagen einstecken müssen?Wenn mal etwas nicht läuft, dann sehe ich das nicht als Niederlage, dann war und ist das für mich Ansporn, Herausforderung.
ZUR PERSON
Hans-Reiner Kasel (54) ist gelernter Zerspanungsmechaniker und studierter Ingenieur-Pädagoge. Er war von 1980 bis zur Wende Direktor der Altin-Betriebsberufsschule. Der gebürtige Wintersdorfer lebt seit 1976.in Altenburg, ist verheiratet und Vater zweier erwachsener Töchter.
Man muss aus Fehlern lernen. Im Grunde genommen waren dies aber alles Kleinigkeiten, die im Alltag untergehen, die am nächsten Tag schon vergessen sind. Auf diese Frage also ein klares Nein.
>Was motiviert Sie, was gibt Ihnen Kraft?Erfolg motiviert, logisch. Doch das kann, darf nicht alles sein. Für mich ist deshalb der private Bereich ein ganz besonderer Kraftquell. So etwas kann man sich nicht erkaufen. Im Beruf erlasse ich bei Bedarf Anweisungen und Anordnungen, zu Hause geht das nicht. Da läuft der Laden oder er läuft nicht. Und Gott sei dank läuft er bei mir. Meine Familie ist mein Refugium. Hier wie im dienstlichen Bereich gebe ich allerdings erst Ruhe, wenn alles so ist, wie ich mir das wünsche. Ich lasse da nicht locker. Das Dranbleiben ist manchmal gar nicht so einfach. Aber ich bin ja nicht nur für mich selbst verantwortlich, sondern für insgesamt fast 40 Leute, die alle ihren Weg zum Awa über mich fanden.
Also doch ein bisschen Workaholic?Spaß, sodass ich ihn nie als Belastung empfinde. Und zweitens kann ich ganz schnell abschalten. Wenn ich aus dem Tor hinaus fahre, fängt ein anderer Sektor an. Dass ich in der Kneipe beim Bier sitze und mir Notizen für den nächsten Tag mache, weil mir da gerade etwas eingefallen ist, das wird man bei mir nicht erleben. Da vergesse ich lieber mal was. Und ich sehe zu, dass ich jede Minute meines Urlaubs weit weg fahre von Altenburg. Nicht weil es mir hier nicht gefällt, sondern damit ich Abstand im wahrsten Sinne des Wortes gewinne und neue Kraft tanke. Das brauche ich.
Wer Sie kennt, kennt Sie als den lustigen, stets gut aufgelegten Kasel. Immer lachend, immer einen coolen Spruch auf den Lippen. Wie geht das?Wenn es nicht so wäre, würden mich alle sofort fragen, ob ich krank sei. Das hat mit meiner grundsätzlich positiven Lebenseinstellung zu tun. Und: Man kann auch mit einem Lächeln Forderungen durchsetzen. Die mich kennen, wissen das. Nicht umsonst haben mir meine Töchter mal den Spruch gravieren lassen "Es gibt immer zwei Meinungen -meine und die falsche". Einer muss den Hut aufhaben, wenn er den Kopf hinhält.
Wo steht der Awa in 15 Jahren?Die nächsten Ziele sind klar. Wir sind dran, die zerstörungsfreie Werkstoffprüfung mit Ultraschall einzuführen...
..tschuldigung, ich meinte eher das große Ganze. Wo steht der Awa 2023?Für zehn oder 15 Jahre vorausblicken, das ist schlicht unmöglich. Dafür ist die Zeit viel zu schnelllebig. Wichtig ist mir vor allem, dass wir in der Lage sind, räumlich, technisch und personell, schnell auf neue Anforderungen zu reagieren, dass wir weiter die Sprache der Wirtschaft sprechen. Dies wird auch in 15 Jahren noch so sein, davon bin ich überzeugt.
Interview: Ellen Paul